Hintergründe

„WARUM NICHT IN BERLIN?“

Auf unserer Entrepreneurship-Tagung am 7. Mai hatte ich eine längere Unterhaltung mit einem jungen Mann, der aus Berlin angereist war, um sich über unseren neuen Studiengang Gründung, Innovation, Führung (GIF) zu informieren. Ihn bewegten drei Fragen:

  1. Warum ausgerechnet Bremerhaven? Berlin sei doch viel cooler und Bremerhaven nur ein hoffnungs- und bedeutungsloses Kaff im Nirgendwo.
  2. Kann der Studiengang nicht zumindest nach Bremen umziehen, damit er in Berlin wohnen bleiben und gelegentlich pendeln könne?
  3. Garantieren wir ihm, dass in dem Studiengang nur Spitzenleute und totale Mega-Macher sein werden, die richtig was auf die Beine stellen?

Diese Formulierungen sind zwar keine wörtlichen Wiedergaben, aber sie ähneln denen des jungen Mannes und sind keine Übertreibungen. Wenn ich den Ego-Faktor und die „Berlin = Nabel der Gründerwelt“-Perspektive mal rausrechne, bleiben drei Fragen übrig, die durchaus ihre Berechtigung haben und die sich wahrscheinlich auch einige von euch stellen.

1. Warum ausgerechnet Bremerhaven?

Aus Zufall und Absicht.

Zufällig stieß ich 2014 in Bilbao auf einen sogenannten „Team Academy“-Studiengang, war gleich begeistert und nahm mir vor, so etwas auch in Deutschland zu starten. Und zufällig bin ich Wirtschaftsprofessor an der Hochschule Bremerhaven, wo ich natürlich Heimvorteil genieße, wenn ich mit einer neuen Idee komme.

Klar, ich habe mir auch Gedanken gemacht, ob Bremerhaven ein geeigneter Standort ist. Die Stadt ist kein einfaches Pflaster, vor allem wenn man einen Arbeitsplatz sucht, denn es herrscht hohe Arbeitslosigkeit.

Doch damit sind für Gründer auch Vorteile verbunden: Mieten sind niedrig. Es gibt günstigen Büroraum, günstige Lagerflächen und immer wieder freie Ladenlokale für Pop-Up-Stores, was in Berlin (und München und Hamburg und Leipzig und Frankfurt und…) knapp und sehr teuer ist. Und im digitalen Zeitalter werden vermutlich viele der studentischen Geschäftsideen ohnehin keine räumliche Bindung mehr verlangen, d.h. physische Nähe zu Kunden ist häufig nachrangig.

Natürlich ist Berlin für Gründer enorm inspirierend. Deshalb werden unsere Studierenden immer wieder Zeit in Berlin verbringen. Aber Berlin bietet auch unendlich viele Ablenkungen. Und Ablenkungen sind der Feind aller ernsthaften Gründer, denn neue, wirklich wichtige und innovative Projekte verlangen extreme Hingabe, Disziplin und einen konsequenten Fokus aufs Wesentliche. Das geht in Bremerhaven.

Last but not least: Die Seestadt Bremerhaven ist nicht gesättigt, sondern hungrig und im Wandel. Wirtschaft und Politik wissen, wie wichtig es ist, dass junge, unternehmerische Menschen hierher kommen, etwas auf die Beine stellen, Arbeitsplätze schaffen und die Kultur prägen. Hier erfahrt ihr viel Unterstützung, Anerkennung, Wertschätzung und Sichtbarkeit. Der Studiengang GIF ist eine Chance für euch, und ihr seid eine Chance für Bremerhaven.

2. Fernpendeln nach Bremerhaven?

Die zweite Frage des erwähnten jungen Manns betraf das Fernpendeln von Berlin nach Bremerhaven. Ganz klar: Der Studiengang GIF ist kein Fernstudiengang und auch kein Teilzeitstudiengang. Er lebt vielmehr vom direkten, ständigen, intensiven Miteinander. Schließlich geht es darum, das eigene Unternehmen zum Fliegen zu bringen.

Wir richten für euch im schönen Alten Fährhaus in Bremerhaven einen Coworking-Space ein. Dort wird euer Arbeitsplatz sein, von dort aus entwickelt ihr eure Unternehmen. Dafür solltet ihr so oft wie möglich da sein, um im Team an euren Geschäftsideen, Produkten, Strategien und Geschäftsmodellen zu arbeiten, euch mit anderen Studierenden und Gründern auszutauschen, voneinander zu lernen, die Team Coaches um euch zu haben und vor Ort ein Kontaktnetzwerk aufzubauen.

Wenn nötig, könnt ihr von Bremen nach Bremerhaven pendeln (35 Minuten), die Bahnfahrt ist sogar in eurem studentischen Semesterticket enthalten. Aber schon von Hamburg, Hannover oder Oldenburg nach Bremerhaven dauert die Fahrt so lang, dass ihr schnell die Lust am Pendeln und damit den engen Kontakt zu eurem Team verlieren würdet. Davon können wir nur abraten.

3. Muss ich Held bzw. Heldin sein?

Als der junge Mann mich sinngemäß fragte, ob sichergestellt sei, dass nur völlige Überflieger in den Studiengang aufgenommen würden, schlug ich vor, dass sich InteressentInnen doch am besten bei ihm bewerben sollten. Er war so irritiert von meiner Antwort, wie ich von seiner Frage.

Mit dem Studiengang GIF wollen wir Entrepreneurship in die Breite tragen. Wir wenden uns gerade NICHT an heldenhafte Einzelgänger, sondern sehen in sorgfältig entwickelten Teams die Chance, Gründung und Unternehmertum zu einer beruflichen Möglichkeit für viele Menschen zu machen und langfristig Deutschland insgesamt unternehmerischer werden zu lassen.

Damit ein Team funktioniert, darf es nicht aus lauter gleichen Typen bestehen. Ein Team der Visionäre ist ebenso hilflos (und anstrengend) wie ein Team der Macher oder ein Team der Kreativen. Der Mix macht’s. Auch der Mix von jünger und älter, Weiblein und Männlein, Eingeborenen und Zugezogenen. Für den Studiengang GIF solltest du über Eigeninitiative verfügen und gerne in Teams arbeiten, aber ansonsten ist Unterschiedlichkeit von Vorteil.

 

(Text: Michael Vogel: Bild: Wikimedia/CC0-Lizenz)