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SELBER LESEN STATT VORLESUNG

Unser Entrepreneurship-Studiengang „Gründung, Innovation, Führung“ (GIF) soll den Studierenden helfen, ihr unternehmerisches Denken und Handeln zu entwickeln. Immer wieder passiert es uns jedoch, dass wir gefragt werden, ob GIF „also eine Art BWL-Studium“ sei. Nein, das ist GIF nicht. In diesem Beitrag möchte ich zeigen, worin einige der grundlegenden Unterschiede liegen und warum GIF zugunsten von Selber-Lesen auf Vorlesungen verzichtet.

Die folgende Tabelle stellt Entrepreneurship der Betriebswirtschaft gegenüber mit dem Ziel, die Unterschiede sichtbar zu machen.

Entrepreneurship Betriebswirtschaft
Worum geht‘s? Chancen wahrnehmen, Neues starten Bestehendes wirtschaftlich betreiben
Was braucht es vor allem? Haltung, Teamkompetenz, Innovationskraft, Resilienz Relativ standardisiertes Fachwissen, Methoden
Wie lässt sich das lernen? Durch Praxis und ihre Reflexion Durch Theorie und ihre Anwendung

Mit der Betriebswirtschaftslehre verfügt die Betriebswirtschaft über einen Bestand an Fach- und Methodenwissen, der im BWL-Studium selektiv vermittelt wird. Da Betriebswirte meist in bereits bestehenden, vorstrukturierten, arbeitsteiligen Organisationen tätig werden, ist ein einigermaßen normierter, spezialisierter Wissensbestand sinnvoll.

Entrepreneure dagegen schaffen ihren Arbeitskontext selbst, indem sie Chancen verfolgen und innovative Problemlösungen entwickeln, immer auf der Suche nach einem funktionierenden Geschäftsmodell. Das dafür nötige Wissen eignen sich Entrepreneure in dem Umfang selbst an, wie es die Lage erfordert. Für sie ist nicht ein bestimmter Wissensbestand, sondern die Fähigkeit zu effektivem, selbstgesteuertem Lernen essentiell.

Das individuelle Lektüreprogramm

Im Studiengang GIF bereiten wir auf diese Realität vor, indem wir auf standardisierte Wissensvermittlung verzichten. Statt Vorlesungen absolvieren die Studierenden („Teampreneurs“) ein umfangreiches, aber individuelles Lektüreprogramm: Sie planen und entscheiden selbst, was sie lesen. Dadurch übernehmen sie von Anfang an Verantwortung für ihr Lernen. Nur der Rahmen ist vorgegeben:

  • Jedes Semester müssen sie Bücher (!) lesen und schriftlich verarbeiten.
  • Jedes Buch wird je nach Schwierigkeit und Sprache mit 1-3 Buchpunkten bewertet. Pro Semester werden 15 Buchpunkte verlangt.
  • Die schriftliche Verarbeitung der Bücher besteht aus Leitfrage, Rezension (Zusammenfassung, Kritik, Leseempfehlung) und Transfer.
  • Leitfragen entstammen der eigenen Praxis im Studiengang, insbesondere Kundenprojekten, Führungssituationen, Teamarbeit oder persönlicher Entwicklung.
  • Der Transfer bildet den Hauptteil und besteht in der Bearbeitung der Leitfrage (Praxis) mit Hilfe von Ideen, Methoden, Modellen etc. (Theorie) aus dem Buch.

Zu Beginn jedes Semesters erstellen die Teampreneurs als Teil ihres Lernkontrakts einen persönlichen Lektüreplan. Am Semesterende reichen sie ihre gesammelten Ausarbeitungen zusammen mit einer Reflexion ihres Lernprozesses als Portfolio zur Begutachtung ein.

Drei Beispiele

Da ich in den letzten Wochen eine große Zahl solcher Lektüre-Portfolios gelesen und benotet habe, kann ich auch gleich Beispiele für diese Art der Theorie-Praxis-Verbindung liefern. Ich nutze die Gelegenheit, um auf das Fachbuch-Sortiment des Haufe Shops aufmerksam zu machen, der uns unterstützt. Im Coworking Space unseres Studiengangs stehen zahlreiche Bücher u.a. aus den Rubriken „Privat & Beruf“ und „Unternehmensführung“ zur Verfügung, die häufig in Lektürepläne aufgenommen werden.

Beispiel 1: Selbstmanagement. Für unsere Studienanfänger ist der Umgang mit der Freiheit, die der Studiengang GIF bietet, eine viel größere Herausforderung, als sie es anfangs wahrhaben wollen. Als ihre Team Coaches empfehlen wir ihnen deshalb im 1. Semester, sich mit Methoden des Selbstmanagements zu beschäftigen. Das leicht lesbare Buch „Ziele erreichen. Von der Vision zur Wirklichkeit“ (Nickel) eignet sich gut zum Einstieg. Etwas anspruchsvoller zu lesen ist „Self-Leadership. Sich selbst führen in unsicheren Zeiten“ (Heidbrink/ Debnar‑Daumler). Beide Bücher wurden bei uns stets positiv rezensiert und wandern quasi von Hand zu Hand.

Beispiel 2: Workshop-Gestaltung. Unser Studiengang stützt sich durchgehend auf Teamarbeit. Es wird fast nur in Gruppenformaten gearbeitet und gelernt. Die produktive und freudvolle Gestaltung und Moderation von Workshops hat deshalb eine große Bedeutung. Manchmal kommt es zu einem regelrechten Wettrüsten beim Einsatz innovativer und spielerischer Methoden. Der „Crashkurs Professionell Moderieren“ (von Kanitz) findet ebenso den Weg in Lektürepläne unserer Teampreneurs, wie „Spiele für Workshops und Seminare“ (Beermann/ Schubach/ Tornow). Durch die schriftliche Beschäftigung mit dieser Literatur werden Workshops besser vorbereitet, professioneller durchgeführt und vor allem angemessen reflektiert.

Beispiel 3: Führung. Dieses Thema ist ständig präsent in unserem Studiengang und prägt auch seinen Namen. Teampreneurs leiten Kundenprojekte, sind Vorstände und Aufsichtsräte ihrer Unternehmen, fungieren als Hosts von Team Trainings und als Management der Studienganggebäudes. Auch ohne formelle Führungsrollen übernehmen sie immer wieder situativ die Führung. Der ständige Rollenwechsel bei fortbestehenden Teambeziehungen wirft Fragen auf, zu deren Bearbeitung u.a. das Buch „In Führung gehen. Der erfolgreiche Wechsel vom Kollegen zum Vorgesetzten“ (Resetka/Felfe) herangezogen wird. Als Quelle der Inspiration neuer Ideen über Führung und Organisation dient hingegen das originell gestaltete „Wir sind Chef. Wie eine unsichtbare Revolution Unternehmen verändert“ (Arnold). Denn die Vorstellung hierarchischer, machtbasierter und unkooperativer Führung findet bei unseren Teampreneurs keine Resonanz.

Text: Michael Vogel
Fotos: Burst/pexels.com und lum3n.com/pexels.com